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myozentrik:bissnahme

Überblick

Die wichtigsten Merkmale bei der myozentrischen Bissnahme sind:

  1. Vorbereitende Entspannung der beteiligten Muskulatur
  2. Vorbereitende Dekonditionierung des interkuspidationsgebundenen Bewegungsengrammes
  3. Entspannte Registrierung der Lagebeziehung zwischen OK und UK in der Vertikalrelation „Ruheschwebe minus interokklusale Distanz“
  4. Keine Manipulation während der Bissregistrierung
  5. Bissregistrierung bei physiologischer (=aufrechter) Körperhaltung

Da Muskelverspannungen und konditionierte Bewegungsmuster nicht selten auch in ein übergreifedes Dysfunktionsmuster eingebettet sind, ist oft auch eine vorbereitende interdisziplinäre Behandlung des Patienten zur myozentrischen Bissregistrierung sinnvoll.

Armamentarium

Verständlicherweise wird von den Vertreibern diverser Gerätschaften gerne behauptet, dass diese für die myozentrische Bissregistrierung unerlässlich seien. In Wirklichkeit basiert die Myozentrik jedoch auf einer Philosophie, welche von jeglichen Geräten unabhängig ist und den Menschen und seine neuromuskuläre Funktion in den Mittelpunkt stellt. Maßgeblich für die Qualität des myozentrischen Registrates sind daher weniger Gerätschaften, sondern ein umfassendes Funktionsverständnis des Behandlers und eine effektive (wo nötig interdisziplinäre) Vorbehandlung des Patienten. So war die Anfertigung guter myozentrischer Bissregistrate auch vor 40 Jahren schon möglich, also bevor Hilfsmittel, wie Elektromyographie, berührungslose Beweguns- und Positionsmessungen, etc., auf dem Markt waren. Auch wenn geeignete Geräte durchaus wertvolle Hilfestellungen bieten können (siehe unten), so verhindern manche Geräte gar eine myozentrische Bissregistrierung, nämlich dann, wenn sie den Funktionsraum der Zunge einschränken (z. B. intraorale Stützstiftsysteme), oder den physiologischen Lippenschluss behindern (wenn paraokklusale Befestigungselemente nach extraoral ragen), oder wenn in einer anderen Weise die natürliche Kiefer- oder Mundfunktion durch das Messgerät verfälscht wird, oder auch nur eine unnatürliche Kopfhaltung während der Messung entsteht.

Allerdings hat sich für die unmittelbare Vorbereitung zur Bissregistrierung die niederfrequente Muskelentspannung mit TENS bewährt. Um während dieser Therapie, die 30 - 60 Minuten lang angewendet wird, auch die notwendige Dekonditionierung des interkuspidationsgebundenen Bewegungsengrammes zu erreichen, muss gleichzeitig auch der Okklusalkontakt unterbrochen werden. Im einfachsten Falle geschieht dies durch Zwischenlegen von Wachs oder Watterollen, am effizientesten mit dem Aqualizer, wo dieser anwendbar ist.

Registriermaterialien

Da sich die vertikale Dimension der Myozentrik als „Ruheschwebe minus interokklusale Distanz“ definiert, also Ruheschwebe minus 1-2 Millimeter, können bei funktionellen Tiefbissen auch Registrate mit relativ großer Materialstärke zustande kommen. Daher muss ein für die Myozentrik geeignetes Registriermaterial thixotrophe Eigenschaften aufweisen, also auch im weichplastischen Zustand gut schichtbar sein. Auf der anderen Seite muss es eine hohe Endhärte erreichen, damit bei der Artikulation eine eindeutige Modellposition nicht aufgrund der Elastizität des Materials verhindert wird. Eine weitere Fehlerquelle liegt in der Detailschärfe des Materials: Ist diese höher, als die des zur Modellherstellung verwendeten Abformmaterials, so ergeben sich in den okklusalen Fissuren Diskrepanzen, welche zu einem fehlerhaften Sitz der Modelle auf dem Registrat führen.

Diese nicht zu unterschätzende Fehlerquelle tut sich bei allen Registriermaterialien auf, die im Mund eine hohe Endhärte erreichen. Diese müssen dann nachbearbeitet werden, bis der spaltfreie Sitz der Modelle gewährleistet ist. Alternativ können auch temperaturgesteuerte Wachse eingesetzt werden, z. B. Aluwachs. Hier fügen sich kleine Diskrepanzen zu den Modellzähnen, aber eine Verifizierung der registrierten Bisslage nach der Registrierung durch Rücksetzen des Registrates in den Mund geht mit dem Risiko einher, dass der Patient das Registrat dabei versehentlich verbeißt und damit wertlos macht.

Diese Probleme können vermieden werden, wenn ein Material zum Einsatz kommt, das eine stabile elastische Phase erreicht, in der es aus dem Mund entnommen und beschnitten werden kann, ohne Gefahr, es dabei zu verziehen. Die Aushärtung kann dann zwischen den Modellen erfolgen, wobei sich Mikrodifferenzen ausgleichen und ein spaltfreier Sitz gewährleistet wird.

Vorgehensweise

Nach der möglicherweise nötigen interdisziplinären Therapie zur Lösung von Blockaden, etc., erfolgt die Muskelentspannung für 30 bis 60 Minuten mit einem geeigneten TENS-Gerät. Während dieser Zeit wird die Okklusion am effektivsten durch einen Aqualizer entkoppelt. Vor der Bissregistrierung wird es dem Patienten nicht mehr gestattet, die habituelle Interkuspidation aufzusuchen.

Die Registrierung erfolgt dann mit einem geeigneten Material bei aufrechter Körperhaltung. Kann der Patient beschwerdefrei stehen (kein Beckenschiefstand, Probleme mit Hüft- oder Ileosakralgelenk, etc.), so ist die aufrechte Körperhaltung am leichtesten im Stehen zu kontrollieren. Hierfür steht der Patient mit dem Rücken an einer vertikalen Fläche (z. B. Wand, Türe, etc.), so, dass er mit den Fersen und dem Gesäß diese leicht berührt, und nach Möglichkeit auch mit den Schultern und Hinterkopf, jedoch nur, insofern dies entspannt möglich ist. Bereitet das Stehen dem Patienten Probleme, so erfolgt die Bissregistrierung im aufrechten Sitzen. Torso und Unterschenkel sind dabei vertikal, Oberschenkel horizontal, hierfür muss ein geeigneter Stuhl herangezogen werden.

Der Aqualizer wird entnommen und die entspannte vertikale Relation an Referenzpunkten, z. B. mit einer Schieblehre, gemessen. Steht ein berührungsfreies Vermessungssystem zur Verfühung, so kann die entspannte Ruheschwebe in allen Dimensionen sichtbar gemacht werden und auch deren Reproduzierbarkeit überprüft werden. Steht eine elektromyographische Messung zur Verfügung, so kann gleichzeitig der Ruhetonus der beteiligten Muskulatur überwacht werden und hinsichtlich der Symmetrie der paarigen Muskeln geprüft werden. ~~DISCUSSION~~

Ohne dass der Patient zwischenzeitlich erneut okklusalen Kontakt einnimmt, wird nun das Registriermaterial auf die untere Zahnreihe geschichtet. Der Patient entspannt seine Kieferposition, bis die zuvor ermittelte Ruheschwebe wieder erreicht ist. Dann lässt er den Kiefer locker um die interokklusale Distanz weiter in das Registriermaterial sinken. Alternativ kann dies auch passiv geschehen, indem die Amplitude des TENS-Gerätes vorübergehend leicht erhöht wird.

Hat das Registriermaterial eine stabile Konsistenz erreicht, so wird das Registrat aus dem Mund entnommen, von Unterschnitten befreit, beschnitten und auf das UK Modell gesetzt. Gefühlvoll wird nun der Gegenkiefer entsprechend eingesetzt. Erfolgt die endgültige Aushärtung zwischen den Modellen, do sollten die Zahnreihen horizontal angeordnet sein, und das Gegenkiefermodell keinen schweren Sockel aufweisen, um eine Verformung des Registrates bei der Aushärtung zu vermeiden.

Gleich nach der Entnahme des Registrates wird der Aqualizer wieder zwischen die Zähne des Patienten gelegt. Nach der endgültigen Aushärtung des Registrates wird dieses in vivo kontrolliert:

Der Patient nimmt wieder eine aufrechte Körperhaltung ein, der Aqualizer wird entnommen und an seiner Stelle das ausgehärtete Registrat eingesetzt. Bei aufrechter Haltung und dekonditionierter Kaumuskulatur muss nun eine lockere Elevationsbewegung in einem stimmigen, simultanen Okklusalkontakt mit dem Registrat münden. Wird dieser nicht spontan aufgefunden, sondern erst nach Abgleiten, etc., so muss das Registrat nachbearbeitet und g. g. F. korrigiert werden.

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